Lesungen vor Porträts

„Lesungen vor Porträts“ stellen historische Personen auf neue und bisher ungesehene Weise vor. In Auseinandersetzung mit historischen Vor-Bildern oder der Ikonographie entwickelt die Malerin das Porträt. Anhand von historischen Quellen und neueren Forschungsergebnissen verfaßt sie eine sorgsam recherchierte, an Fakten orientierte Lesung, in der die Porträtierten – eingebunden in einen moderierenden Erzähltext – selbst zu Wort kommen. Lesungen vor Porträts verschaffen Zugang zu Personen in ihrer Zeit. Jenseits romanhafter Ausschmückung und Einfühlung bleibt die historische Distanz gewahrt.

Die Lesungen dauern ca. 60 Minuten und werden in Wechselrede mit einem Schauspieler präsentiert.





Bisher erschienen:

“Kwaheri Askari - Auf Wiedersehen, Askari” Der Junge aus der Lettow-Mappe.


Walter von Ruckteschell - Mustapha - Lithografie - 1921

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entstand das rätselhafte Porträt eines ‚schwarzen’ Jungen. Dicht gesetzte Strichlagen geben nahezu fotorealistisch das Äußere eines Afrikaners wieder. Man könnte ihn ohne Weiteres erkennen, würde man ihm heute begegnen. Dem Betrachter scheint Mustapha auf besondere Weise zugewandt, ja ‚zugeneigt’ zu sein. Hunger oder Leid waren nicht Thema der Darstellung. Zur expressionistischen Kunst der Zeit steht die ‚schöne Pose’ des Jugendstils in auffälligem Widerspruch. Der Künstler hielt ungebrochen an einer Ausdrucksweise fest, als hätte es die umstürzenden Ereignisse des Ersten Weltkriegs nicht gegeben. Und schrieb doch die Jahreszahl 1918 auf das Blatt.

Das Bild berührt, doch es irritiert zugleich. Das hat Anja Seelke interessiert. Wer war der Junge und war er tatsächlich unberührt vom Kriegsgeschehen? Die Malerin begab sich auf Spurensuche und stellte fest: Mustapha hat am Ersten Weltkrieg in Deutsch-Ostafrika teilgenommen. Er war das jüngste Mitglied der Kaiserlichen ‘Schutztruppe’ unter General Paul von Lettow-Vorbeck.

Hinter dem schönen Gesicht auf dem Umschlag der Lettow-Mappe (1921) verbirgt sich die tragische Geschichte eines deutschen Kindersoldaten, der seinen Vater im Krieg verlor und selbst nur mit knapper Not überlebte.

In der Weimarer Republik erlangte „Signalschüler Mustapha“ mediale Popularität. Paul von Lettow-Vorbeck und Walter von Ruckteschell stilisierten ihn in dem kriegsverherrlichenden Jugendbestseller „Heia Safari!“ (1920) zu einem ‚echten Kerl von Schrot und Korn’, der zu töten lernt. Im nationalsozialistischen Kolonial-Kinofilm „Die Reiter von Deutsch-Ostafrika“ (Selpin, 1934) bezeugt sein Auftritt die Loyalität gegenüber seinen deutschen Herren.

Zwar wurde die „Treue der Askari“ von Historikern längst als Mythos entlarvt. Doch die Porträts der Lettow-Mappe galten Kunsthistorikern weiterhin als „enorm eindringlich“ und „fern jeder kolonialistischen Sichtweise“ entstanden (Bassenge, 2018).

Jahrzehntelang nahezu vergessen, erlebt der Künstler seit etwa dreißig Jahren eine erstaunliche Renaissance, die vor Augen führt, wie hartnäckig sich die „Legende vom deutschen Kolonialidyll“ (Ralph Giordano) hält. Walter von Ruckteschell schuf Propaganda für Krieg und Kolonisation und gilt als Künstler, der „für Verständigung und Vertrauen zwischen den Völkern wirbt“ (Unger-Richter).

Die Zeit ist reif, auch in der Kunst und ihrer Betrachtung eingefahrene Wahrnehmungsmuster zu durchbrechen und mangelnde Sensibilisierung aufzuarbeiten.

Die Zeit deutscher Kolonialherrschaft war kurz, doch sie offenbart einen Abgrund verstörender Gewalt und Menschenverachtung – mit Kontinuitäten bis in die Zeit des Nationalsozialismus. Dennoch erweist sie sich noch immer als blinder Fleck der Allgemeinbildung. Eingang in den Schulunterricht findet das Thema kaum.

Angesichts von Flucht und Migration und der Black-lives-matter-Bewegung scheint eine Auseinandersetzung wichtiger denn je.

Wer Mustapha bin Mabruk wirklich war, was er erlebt und wie er gehandelt hat, liegt in seinem Porträt vergessen.


Anja Seelke - Mustapha bin Mabruk - Mischtechnik auf Papier - 2021

Die sorgfältig recherchierte „Lesung vor Porträts“ berichtet über das Schicksal des afrikanischen Jungen allein aufgrund historischer Fakten und neuerer Forschungsergebnisse und ermöglicht auf diese Weise einen aktuellen Zugang zu einer historischen Person in ihrer Zeit.

Walter von Ruckteschell wird als Propagandist für Krieg und Kolonisation entlarvt. Die Autorin veröffentlicht erstmals historische Quellentexte aus dem Nachlaß des Künstlers, den sie im Rahmen des Ruckteschell-Stipendiums der Stadt Dachau 2021 neu erforscht hat.

„Die Arbeit von Anja Seelke während ihrer Residenz in Dachau hat deutlich gemacht, dass Walter von Ruckteschell im Lichte ihrer Forschung völlig neu und weitaus kritischer als bisher betrachtet werden muß. Die Stadt Dachau wird dem nicht aus dem Weg gehen“. Florian Hartmann, Oberbürgermeister der Stadt Dachau.



‘extra ordinaris goedt’ - Orgelmacher Arp Schnitger.

Der Klang der Orgel ist geheimnisvoll ungreifbar und – entgrenzend. Das macht sie zu dem faszinierendsten Musikinstrument aller Zeiten. Zu den wichtigsten Orgelbauern des Barock zählt Arp Schnitger (1648-1719). Mehr als 100 Instrumente entstammen seiner Werkstatt in Stade und Hamburg, etwa 30 haben sich erhalten. Verbreitet waren sie vom niederländischen Groningen, über Bremen, Lübeck, Magdeburg und Stettin bis nach Spanien und ins ferne Rußland. Sogar König Friedrich I. in Preußen berief ihn als „Hoforgelbauer“ auf sein Schloß nach Berlin.

Doch wer war eigentlich der Mann, der sie baute? Arp Schnitger, der Mensch hinter den Orgeln, ist bis heute weitgehend unbekannt geblieben. Dabei war der Orgelmacher nicht nur ein begabter und ehrgeiziger Handwerker. Der Absolvent einer Lateinschule war überdurchschnittlich gebildet: „Er war eine rundherum originelle Persönlichkeit,“ sagt Anja Seelke „Künstler, Geschäftsmann und Gelehrter, von Musik besessen und beseelt zugleich, sinnlich und intelligent, – wenn Arp Schnitger eine Kirche betrat, um eine Orgel auszumessen, wurde er erstmal ganz still.” Seine Orgel hat die angenehme Klangfarbe einer menschlichen Stimme, die entpannt vor sich hinsummt – offen und golden. Mit seinen Instrumenten wollte er Maßstäbe setzen – opulent, mehrstimmig, weltumspannend.

Angebliche Porträts von Arp Schnitger erweisen sich als Fehlzuschreibungen, zeigen sie doch lediglich einen Dirigenten und einen Organisten in Rückenansicht. Doch die Sehnsucht, Arp Schnitger zu sehen, bleibt. Das menschliche Gesicht ist ein altes Menschheitsideal. Mit dem Anblick hofft man, Einblick in die Persönlichkeit zu erhalten. Doch dem barocken Orgelbauer fehlt, was ihn scheinbar näher bringt: ein Gesicht.

Der „Bilderstreit“ um Schnitger erwies sich als idealer Ausgangspunkt für ein historisches Porträtprojekt. Anläßlich des Schnitger-Jubiläumsjahres 2019 widmete Anja Seelke Arp Schnitger erstmals ein Porträt, das die Verbundenheit des Orgelmachers mit seinem Instrument ausdrückt. Es wird im Raum installiert und zeigt den Orgelmacher in Lebensgröße an der Orgel, die er erbaut hat.

Premiere 2019 in Hamburg.


“Photographie genügt auch nicht” - Theodor Storm und das Eigenleben der Bilder.

Theodor Storm (1817-1888) war ein Augenmensch. Das rätselhafte Porträt eines ertrunkenen Kindes, das Bild der frühverstorbenen Tante oder der Blick auf seine Frau – visuelle Eindrücke reizten seine Vorstellungskraft zu eigenem, poetischen Ausdruck. In seiner Dichtung entfalten Bilder ihren Sog bis heute. Auch in der Lesung entdecke ich den Dichter mit den Augen einer Malerin – eine neue, aber schlüssige Lesart. Bilder der Lebensgeschichte werden kunstvoll mit denen der Dichtung verbunden – ein beziehungsreiches Wechselspiel zwischen Kunst und Literatur entsteht.

Mein Porträt zeigt die klaren, sensiblen Züge des jungen Dichters und befreit Theodor Storm vom gern bedienten Klischee des ‚ewig-alten’ Erzählers, dem „vergeistigten Schifferkopf“, wie Thomas Mann ihn nannte.

„Gelungener Ausdruck des historischen Abstands vom Original und ein Zeichen des kritischen Bewußtseins der Persönlichkeit nur fragmentarisch habhaft werden zu können“ urteilte Dr. Regina Fasold, Direktorin und Kuratorin des Storm-Museums, Bad Heiligenstadt.

Premiere 2017 im Theodor Storm Haus Husum.


Liebe contra Staatsräson - Sophie Dorothea von Hannover und Philipp Christoph von Königsmarck.

Thema ist eine wahre Begebenheit aus dem Barockzeitalter: die Liebe zwischen der Kurprinzessin Sophie Dorothea von Hannover, der „Prinzessin von Ahlden“ (1666-1726) und dem Stader Grafen Philipp Christoph von Königsmarck (1665-1694).

Von Herzog Anton Ulrich über Schiller und Fontane bis hin zu Arno Schmidt hat diese Geschichte zu vielfältiger künstlerischer Auseinandersetzung gereizt und ist auf diese Weise bis heute im Gedächtnis.

Für Sophie Dorothea von Hannover sollte es kein Privatleben geben: Als Kronprinzessin des Kurfürstentums war sie Teil des ‘Staatskörpers’ – die Liebe zu dem aus Stade stammenden Landadeligen Philipp Christoph von Königsmarck war eine Art Hochverrat. Aus Ehebruch und Eifersucht allein sind die fatalen Folgen nicht zu erklären: Ihn kostete die Affäre das Leben; sie wurde lebenslang auf das Schloß Ahlden verbannt. Dieses Ende hatte Philipp Christoph schon früh kommen sehen, als er seiner Angebeteten schrieb: “Mein Unterganck ist mir gar wol bewust”. Und doch wagten beide, einander schlicht als Liebende zu begegnen.

Die Geschichte hinter den Gesichtern hat Anja Seelke auch als Literaturwissenschaftlerin und Sozialpsychologin interessiert. Die Lesung berichtet von den dramatischen Ereignissen anhand historischer Quellen und neuerer Forschungsergebnisse: vom Kennenlernen der beiden in Celle in den Kinderjahren über die Wiederbegegnung am Welfenhof in Hannover bis hin zum Mord am Grafen 1694 und der jahrzehntewährenden Verbannung der Prinzessin nach Ahlden.

In ihren Briefen erzählen Philipp und Sophie ihre Geschichte selbst - und in der Lesung kommen die beiden ausführlich zu Wort. Diese Innenperspektive eröffnet für den Zuhörer eine neue Sicht auf Ereignisse und Charaktere – jenseits vorgefaßter Klischees. Die beiden Liebenden zeigen sich als facettenreiche Charaktere; es ist faszinierend, welch tiefe Einsicht Philipp und Sophie in ihre Situation hatten – und daß sie trotz allem so handelten. Aus den heimlich gewechselten Briefen sprechen Verzückung und Verzweiflung. Das berührt noch heute.