Gottfried

Malerei trifft Geschichte.
Zu den Bildern in der St.-Georgs-Krypta unter dem Zeughaus

Jahrhundertelang war die Geschichte des Bremer Erzbischofs Gottfried von Arnsberg regelrecht „verschüttet“, bis Archäologen 1994 unter dem Zeughaus auf sein Grab stießen. Nur wenige historische Quellen überliefern sein Leben und Wirken. Das ist kein Wunder: In der „Erzbischofsfehde“ (1348 – 1360) unterlag er seinem Kontrahenten Moritz von Oldenburg; er mußte auf alle Herrschaftsansprüche und sogar auf ein würdiges Begräbnis im Bremer Dom verzichten. Geschichte machen die Sieger.

Mit den hier gezeigten Acrylbildern füllt die Stader Malerin Anja Seelke (geb. 1969) die blinden Flecken der Vergangenheit auf ihre Weise: „Mich fasziniert die Geschichte hinter der Geschichte – ein Bischof ohne Land, der in permanentem Kriegszustand lebt und seine letzte Zuflucht in Stade sucht. Sein Name liest sich wie blanke Ironie: Gottfried“.

„Got’cha!“ („Ich hab‘ dich“) nennt sie das Bild, das die Ausgrabungssituation von 1994 nachstellt. Fast zärtlich streichelt der glückliche Finder mit einem Pinsel über die knöcherne Wange. Doch die Rekonstruktionsmöglichkeiten der Archäologen sind begrenzt – die Kunst hingegen „darf“ mehr: Auf dem zweiten Bild sieht man den Erzbischof in vollem Ornat am Altar – in Albe, gelber Tunika mit scharlachrotem Meßgewand, gekrönt von der Mitra. Deutlich sichtbar trägt er die Insignien seiner Würde: Pontifikalhandschuhe, Bischofsring und das Pallium. Gottfried von Arnsberg reicht sich selbst das Abendmahl. Mit der würdigen Handlung kontrastieren merkwürdig die gehetzte Wendung, der vergossene Wein, das entsetzte, übergroße Auge. Der Bischof – eine tragisch-groteske Figur? „Die Bruchstücke der Vergangenheit erzählen mir eine Geschichte; in meinen Bildern erzähle ich sie weiter,“ sagt die Malerin – ein Angebot an die Betrachter, sich ihr eigenes Bild von einem widersprüchlichen Menschen zu machen, den die Geschichte zum Verlierer stempelte. (Aus dem Handout)