Kunst und Geschichte

Die Geschichte hinter der Geschichte

Seit es Kunst gibt, ist sie der Geschichte verschwistert: Historienmalerei hat Geschichte fixiert und idealisiert, die Gegenbilder der Moderne haben sie kritisch dekonstruiert, die Epoche der “Posthistoire” spielerisch re-inszeniert. Auch Anja Seelke hat bereits mehrfach die Bedeutung historischer Personen befragt: beim Bremer Erzbischof Gottfried von Arnsberg, der aus seiner Residenz vertrieben wurde und in Stade starb, beim dänischen König Christian IV., dem nicht nur die Gründung Glückstadts nicht recht glückte, bei Maria Aurora von Königsmarck, deren Karriere von der Mätresse August des Starken zur Pröpstin von Quedlinburg führte. Heinrich von Kleist und seiner Gedankenwelt hat Anja Seelke zu seinem 200. Todesjahr eine ganze Werkgruppe gewidmet.

Was längst Geschichte ist, ist keineswegs zu Ende. Vielmehr will es immer wieder aufs Neue angeeignet und aktualisiert werden, um Erfahrung zu bleiben. Ein Porträt kann – im Kontext von großer Geschichte, speziellem genius loci und ikonographischer Tradition – dazu einen sichtbaren Beitrag leisten. Es vermittelt einen aktuellen Zugang zu einer historischen Persönlichkeit und ihrer Zeit.

Die historischen Porträtprojekte von Anja Seelke versuchen, die Geschichte hinter der Geschichte zu sehen und der historischen Gestalt inhaltlich wie formal bisher ungesehene oder ‘verdeckte’ Facetten abzugewinnen, um sie für eine neue Sicht zu öffnen.


1 Luther reloaded - Ein neues Bild von Martin Luther

Förderprojekt der evangelischen Landeskirche Hannover, Reformationsjubiläum 2017

Das historische Vor-Bild
Martin Luther (1483 – 1546), eine der interessantesten Gestalten der Geschichte, spannungsvoll und widersprüchlich, ist eine Identifikationsfigur, die bis heute polarisiert. Der Reformator war nicht nur der meistgelesene Autor, sondern auch eines der prominentesten Gesichter seiner Zeit. Die Werkstatt des Malers Lucas Cranach in Wittenberg reproduzierte Luthers Porträt mittels Schablonen und Lochpausen in serieller Variantenpraxis und machte es so zum repräsentativen ‚Markenzeichen’ der Reformation.

Auch die St.-Cosmae-Kirche in Stade besitzt ein historisches Porträt des Reformators. Vorbild der Stader Nachschöpfung war das ‚Frankfurter Porträt’ Cranachs d. Jüngeren aus dem Jahr 1559. Es stellt Luther nach einem Schema dar: „Im Halbporträt sitzt Luther wuchtig und streng nach rechts gewendet. Er ist barhäuptig und ergraut, trägt einen Talar und hält ein offenes Buch in den Händen.“ Gerrit Walczak

Auf dem Stader Bild lenkt Luthers Finger den Blick auf einen Vers: „Aber darumb ist mir barmhertzigkeit wiederfahren, auf das an mir furnehmlich Jhesus Christus erzeigte alle gedult, zum Exempel denen, die an in glauben solen zum ewigen leben.“ (1. Timotheus 1,15-2,2).

Die Botschaft steht im Vordergrund, der Mensch tritt dahinter zurück. Von Irrtümern, innerer Angefochtenheit oder Luthers Ringen um Glauben und Gewißheit wissen diese Porträts nichts. Stattdessen betonen sie Würde und Standfestigkeit des reifen Reformators. Der Mensch Martin Luther ist auf ihnen unnahbar und denkmalhaft - zur Ikone erstarrt.

„Cranachs Luther war menschlich und übermenschlich zugleich. Auf den Bildern wurde er mehr und mehr zum menschlichen Fels, zu jemandem, der auch dem größten religiösen Sturm standhielt, der den Weg kannte.“ Ulrike Knöfel

Das neue Bild – “Luther reloaded”
Das hat die Malerin Anja Seelke fasziniert. In Auseinandersetzung mit der Luther-Ikonographie der Cranachs widmet sie Martin Luther ein neues Bild. Die St.-Cosmae-Gemeinde präsentiert den Dialog zwischen aktueller und historischer Porträtmalerei als Beitrag zum Reformationsjubiläum 2017 im Hauptschiff der Kirche.

Auf der großformatigen Acrylarbeit driftet alles auseinander. Die konventionelle Wirkung des Genres Porträt ist in Auflösung begriffen. Die kaum greifbare Figur, wie auf dem Vorbild nach rechts gewandt, ist in eine abstrakte Fläche widerstreitender Kräfte eingebunden, die sie zugleich durchbricht.


Acryl auf Leinwand - 180 x 100 cm

Luthers unruhiges Antlitz formiert sich inmitten der wirbelnden Farbfetzen als fragiles Bruchstück. Sein Blick, von Rissen bedroht, sucht mit fliehender Bestimmtheit den Betrachter. Der Mund, Zentrum wie Teil der Dynamik, ist bis zur Unkenntlichkeit deformiert. Was malerisch hervorgebracht wird, wird gleichzeitig verundeutlicht. Die Hand verweist noch immer, nur – die Botschaft fehlt. Das Bild ist ein Fragment. In der Dialektik zwischen Verlebendigung und Fragmentierung bewahrt Anja Seelkes Lutherporträt bewußt die historische Distanz.

„Wie getrieben von Obsessionen der Mann war. Dieser irrende, überforderte Luther, wie er einem dann als historische Figur vor Augen steht, kann zwar keine unmittelbaren Weisungen für die Gegenwart vermitteln. Aber ich halte ihn für hilfreicher als den Heroen, den frühere Generationen aus ihm gemacht haben.“ Thomas Kaufmann

“Anja Seelkes Lutherbild ist anders. Vieles ist gebrochen, zerrissen, verfremdet in diesem Porträt, der Körper dekonstruiert. Und doch zeigt dieser Luther, bei aller Verfemdung, Gesicht. Das Porträt bildet nicht einfach ab, sondern fordert den Betrachter heraus. Die Hand ist beinahe gegenständlich aus dem historischen Stader Lutherbild übernommen. Aber worauf zeigt sie? Die Deutung, den Verweis, liefert dieses Bild nicht. Paul Klee sagt: ‘Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar’. Luther war ein spannungsvoller Mensch, voller Glaubenszuversicht und auch tief niedergeshclagen, spaßig-heiter und bitter ernst. Er war in Vielem lehrreich, ein großartiger Lehrer der Botschaft, daß wir in aller Zerrissenheit und Bruchstückhaftigkeit von Gott angenommen sind. Aber er hat auch Furchtbares und Fremdes gesagt: ein Mensch der Moderne und auch noch tief im Mittelalter verhaftet, ein Mensch zwischen Gott und Teufel. Das wird in diesem Bild sichtbar. Ich finde es hoch spannend.”
Landessuperintendent Dr. Hans Christian Brandy, Stade.

“Luther reloaded” in der St.-Cosmae-Kirche und beim Empfang anläßlich des Reformationsjubiläums im Foyer des Historischen Rathauses in Stade.


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2 Sophie Dorothea von Hannover und Philipp Christoph von Königsmarck


Die tragische Liebe zwischen der Kurprinzessin Sophie Dorothea von Hannover, der „Prinzessin von Ahlden“ (1666-1726) und dem Stader Grafen Philipp Christoph von Königsmarck (1665-1694) hat von Herzog Anton Ulrich über Schiller und Fontane bis hin zu Arno Schmidt zu vielfältiger künstlerischer Auseinandersetzung gereizt und ist auf diese Weise bis heute im Gedächtnis.

Für Sophie Dorothea von Hannover sollte es kein Privatleben geben: Als Kronprinzessin des Kurfürstentums war sie Teil des ‘Staatskörpers’ – die Liebe zu dem aus Stade stammenden Landadeligen Philipp Christoph von Königsmarck war eine Art Hochverrat. Aus Ehebruch und Eifersucht allein sind die fatalen Folgen nicht zu erklären: Ihn kostete die Affäre das Leben; sie wurde lebenslang auf das Schloß Ahlden verbannt. Dieses Ende hatte Philipp Christoph schon früh kommen sehen, als er seiner Angebeteten schrieb: “Mein Unterganck ist mir gar wol bewust”. Und doch wagten beide, einander schlicht als Liebende zu begegnen.

Das hat die Malerin Anja Seelke fasziniert. Anders als auf den überlieferten “Historien-Bildern” setzt sie den Grafen und die Prinzessin ‘privat’ ins Bild: Befreit von barocker Repräsentation, ohne Perücke, Rüstung oder Herrschaftssymbole. Es ist ein Bild der Unmöglichkeit, ein Wunsch-Bild, das aus Hunderten ihrer Briefen spricht, aber sich nur in wenigen unwirklichen Augenblicken erfüllte - das Bild zweier Liebender.


Entstanden sind die Porträts nach den historischen Originalen aus Celle (Jacques Vaillant, Sophie Dorothea von Hannover, Residenzmuseum Celle) und Linköping in Schweden (Martin Mijtens d.Ä., Philipp Christoph von Königsmarck, Östergotlands-Museum).

Frameless - Der Blick von heute
“Die Porträts von Anja Seelke sind Beispiele heutiger künstlerischer Annäherung an die beiden Hauptpersonen der Geschichte. Dass Sophie Dorothea und Königsmarck selbst versuchten, sich aus ihren vorgegebenen Rollen zu befreien, ist für die Malerin Ausgangspunkt und Inspiration, sie in neuer Weise ins Bild zu setzen. Im Bildnis Sophie Dorotheas mag man in dem dunklen, sie umgebenden Raum auch eine Anspielung auf die Isoliertheit der Prinzessin sehen. Zugleich wird deutlich, dass diese Porträts den Rahmen der klassischen Porträtmalerei sprengen. Auch wenn Gesichter deutlich zu erkennen sind: die Konturen lösen sich auf, das Bild ist unvollständig, der Eindruck von Eindeutigkeit verschwimmt. Der Blick von heute erfasst lediglich Fragmente und Facetten: einen Aussschnitt der Geschichte. Auf diese Weise bleibt in der künstlerischen Vergegenwärtigung die historische Distanz gewahrt.”
Juliane Schmieglitz-Otten, Direktorin Residenzmuseum Celle und Kuratorin der Ausstellung “Ins Bild gesetzt…”, 2016.

Die Porträts exklusiv “Ins Bild gesetzt…” in den Staatsgemächern der Celler Residenz, 2016



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3 Der gebrochene Blick. Ein neues Bild von Christian IV.

König Christian IV. (1577 – 1648), bis heute der populärste Landesvater Dänemarks, ist auch der ‚Vater‘ Glückstadts. Gegen alle Bedenken ließ er in einer “Wildnis” außerhalb der Deiche einen großen Hafen anlegen, ein repräsentatives Schloß und eine ‚Ideal-stadt‘ errichten – sie sollte der Handelsmetropole Hamburg den Rang ablaufen. “Dat mut glücken, un dat schall glücken”, soll Christian IV. gesagt haben. So kam Glückstadt zu seinem Namen.

Doch die ehrgeizigen Pläne gingen nicht auf: Glückstadt blieb ein beschauliches Landstädtchen; schon nach wenigen Jahrzehnten verfiel das Schloß und wurde abgerissen. Auf dem Gelände erinnert nur noch das – allerdings noch immer imponierende – Provianthaus an die ‚großen‘ Zeiten. Bis vor wenigen Jahren prangte an der Westseite ein überdimensionales Herrschermonogramm, das zuletzt auch abgenommen wurde, weil es herabzustürzen drohte. In seiner städtebaulichen Versehrung spiegelt dieser Ort bis heute die Irritationen der Geschichte und die Vergänglichkeit der Macht.


König Christian IV. - Acryl auf Leinwand - 145 x 145 cm - 2008

Auch das Portrait irritiert: Es ist einerseits ein monumentales Herrscherbild; es zeigt Christian IV. repräsentativ gewandet und in respektvoller Perspektive von unten. In seinem fülligen Gesicht finden sich Spuren ‚barocker‘ Welt- und Lebenslust. Doch der alternde König ist ‚gezeichnet‘: Zwei Zähne fehlen ihm; das rechte Auge ist getrübt – Verletzungen, die er in der “Seeschlacht auf der Kolberger Heide” vor Kiel (1644) erlitt. Von Bombensplittern getroffen, befehligte er seine Truppen unbeirrt bis zum Sieg über die Schweden weiter – wofür ihn die dänische Nationalhymne bis heute in martialischen Worten feiert. Doch es war ein Pyrrhus-Sieg. Mit dem Dreißigjährigen Krieg verlor Dänemark seine Vormachtstellung in Nordeuropa – und Glückstadt seine große Zukunft. Ein neues Bild von Christian IV. beginnt sich abzuzeichnen: “Vom strahlenden Helden zum tragischen Verlierer” (Hans-Dieter Loose).

Kein Heros blickt hier von einem Denkmalssockel auf den Betrachter herab. Der greise Monarch wendet selbst den Blick nach oben, aus einer verworrenen Gegenwart in scheinbar lichtere Gefilde, als suche das Auge eines ‚blinden Sehers‘ nach Antworten in höheren Sphären. Es ist ein sinnender und suchender Christian IV., der sich einem intransparent gewordenen Sinn der Geschichte gegenübergestellt sieht – geprägt vom Kampf der Konfessionen, von Glanz und Elend, Rückschritt und Aufbruch.




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4 Gottfried
Zu den Bildern in der St.-Georgs-Krypta unter dem Zeughaus

Jahrhundertelang war die Geschichte des Bremer Erzbischofs Gottfried von Arnsberg regelrecht „verschüttet“, bis Archäologen 1994 unter dem Zeughaus auf sein Grab stießen. Nur wenige historische Quellen überliefern sein Leben und Wirken. Das ist kein Wunder: In der „Erzbischofsfehde“ (1348 – 1360) unterlag er seinem Kontrahenten Moritz von Oldenburg; er mußte auf alle Herrschaftsansprüche und sogar auf ein würdiges Begräbnis im Bremer Dom verzichten. Geschichte machen die Sieger.

Mit den hier gezeigten Acrylbildern füllt die Stader Malerin Anja Seelke die blinden Flecken der Vergangenheit auf ihre Weise: „Mich fasziniert die Geschichte hinter der Geschichte – ein Bischof ohne Land, der in permanentem Kriegszustand lebt und seine letzte Zuflucht in Stade sucht. Sein Name liest sich wie blanke Ironie: Gottfried“.

„Got’cha!“ („Ich hab‘ dich“) nennt sie das Bild, das die Ausgrabungssituation von 1994 nachstellt. Fast zärtlich streichelt der glückliche Finder mit einem Pinsel über die knöcherne Wange. Doch die Rekonstruktionsmöglichkeiten der Archäologen sind begrenzt – die Kunst hingegen „darf“ mehr: Auf dem zweiten Bild sieht man den Erzbischof in vollem Ornat am Altar – in Albe, gelber Tunika mit scharlachrotem Meßgewand, gekrönt von der Mitra. Deutlich sichtbar trägt er die Insignien seiner Würde: Pontifikalhandschuhe, Bischofsring und das Pallium. Gottfried von Arnsberg reicht sich selbst das Abendmahl. Mit der würdigen Handlung kontrastieren merkwürdig die gehetzte Wendung, der vergossene Wein, das entsetzte, übergroße Auge. Der Bischof – eine tragisch-groteske Figur? „Die Bruchstücke der Vergangenheit erzählen mir eine Geschichte; in meinen Bildern erzähle ich sie weiter,“ sagt die Malerin – ein Angebot an die Betrachter, sich ihr eigenes Bild von einem widersprüchlichen Menschen zu machen, den die Geschichte zum Verlierer stempelte.

Ausstellung in der St.-Georgs-Krypta unter dem Zeughaus in Stade