Echo

Fremdes im Alltäglichen
“Anja Seelkes Malerei ist kein Wettlauf um Glanz und Glamour oder um das immer größere Format, ist keine Provokation um jeden Preis, kein Lautsein, um aufzufallen, damit andere darauf reinfallen, keine Anpassung an neueste Trends und kein Schwelgen in Techniken, die per nachgeholfenem Zufall zu gewiss schönen, aber beliebigen Bildkompositionen führen, wie sie zuhauf in Ausstellungen landauf, landab, und das nicht nur in der Provinz, zu sehen sind: Es ist das ganz und gar eigene Werk von Anja Seelke. Es ist das Alltägliche in ihren Bildern, das schockartig als etwas Fremdes erscheint. Anja Seelke, und das fasziniert mich, ist ganz nah an der Realität, die in jeder Küche, an jeder Straßenecke, in jedem Schwimmbad lauert, aber sie malt sie so, wie sie der von täglichen bunten Bildern abgestumpfte Blick nicht mehr sieht. Die ganz normalen Dinge, bei ihr sind es ausschließlich menschliche Körper, bekommen eine neue Form und Farbe. Auch in der trostlosesten Umgebung findet sich eine paradiesische Pracht in der Bewegung ihrer Personen, die sie schillern und glänzen läßt. Dieses Widersprüchliche, Zwiespältige, Doppelbödige ist in allen Bildern zu finden.”
Elke Loewe, Autorin, Mulsum.

Frameless - Der Blick von heute
“Die Porträts von Anja Seelke sind Beispiele heutiger künstlerischer Annäherung an die beiden Hauptpersonen der Geschichte. Dass Sophie Dorothea und Königsmarck selbst versuchten, sich aus ihren vorgegebenen Rollen zu befreien, ist für die Malerin Ausgangspunkt und Inspiration, sie in neuer Weise ins Bild zu setzen. Im Bildnis Sophie Dorotheas mag man in dem dunklen, sie umgebenden Raum auch eine Anspielung auf die Isoliertheit der Prinzessin sehen. Zugleich wird deutlich, dass diese Porträts den Rahmen der klassischen Porträtmalerei sprengen. Auch wenn Gesichter deutlich zu erkennen sind: die Konturen lösen sich auf, das Bild ist unvollständig, der Eindruck von Eindeutigkeit verschwimmt. Der Blick von heute erfasst lediglich Fragmente und Facetten: einen Aussschnitt der Geschichte. Auf diese Weise bleibt in der künstlerischen Vergegenwärtigung die historische Distanz gewahrt.”
Juliane Schmieglitz-Otten, Leiterin Residenzmuseum Celle.

Porträt eines Porträts
Dass ein Dicherporträt vor allem die Beziehung des Künstlers zum Werk des Porträtierten ausdrückt, zeigt sich nicht zuletzt bei Anja Seelkes Storm-Porträt. Ohne die intensive Beschäftigung mit dem Werk wäre ein Zugriff auf das Porträt undenkbar. Mit dem Fragmentarischen, das bestimmte Details wie Storms große, tiefe, blaue Augen und den weichen Mund deutlich hervorhebt, das bekannte Gemälde von Nikolai Sunde indessen nur ausschnitthaft bringt - ist dem neuen Porträt gleichsam der Rezeptionsprozess, den diese berühmten Gemälde über mehr al sein Jahrhundert hin durchlaufen hat, mit eingeschrieben. man hat das Emfinden, hier ist jemand präsent. Doch zugleich ist dieses ‘Porträt eines Porträts’ ein gelungener Ausdruck des historischen Abstands vom Original und ein Zeichen des kritischen Bewußtseins, über historische Bilder, Fotografien und Texte der dahinter stehenden Persönlichkeit nicht wirklich, sondern eben nur fragmentarisch habhaft werden zu können. Ich empfinde es als ein gelungenes, modernes Storm-Porträt, das in unsere Zeit passt und zugleich die Gefahr des Verschwindens anklingen lässt, des Verschwindens von Autor und Werk im Gedächtnis der Zeitgenossen.
Dr. Regina Fasold, Leiterin des Theodor-Storm-Museums, Bad Heiligenstadt.

Luther reloaded
Anja Seelkes Lutherbild ist anders. Vieles ist gebrochen, zerrissen, verfremdet in diesem Porträt, der Körper dekonstruiert. Und doch zeigt dieser Luther, bei aller Verfemdung, Gesicht. Das Porträt bildet nicht einfach ab, sondern fordert den Betrachter heraus. Die Hand ist beinahe gegenständlich aus dem historischen Stader Lutherbild übernommen. Aber worauf zeigt sie? Die Deutung, den Verweis, liefert dieses Bild nicht. Paul Klee sagt: ‘Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar’. Luther war ein spannungsvoller Mensch, voller Glaubenszuversicht und auch tief niedergeshclagen, spaßig-heiter und bitter ernst. Er war in Vielem lehrreich, ein großartiger Lehrer der Botschaft, daß wir in aller Zerrissenheit und Bruchstückhaftigkeit von Gott angenommen sind. Aber er hat auch Furchtbares und Fremdes gesagt: ein Mensch der Moderne und auch noch tief im Mittelalter verhaftet, ein Mensch zwischen Gott und Teufel. Das wird in diesem Bild sichtbar. Ich finde es hoch spannend.”
Landessuperintendent Dr. Hans Christian Brandy, Stade.

Dialog
“Durch ein Portrait habe ich die Möglichkeit, mir auf andere Art zu begegnen, Neues an mir zu entdecken, in einen Dialog mit mir zu treten. Anja Seelke versteht es, zuzuhören, zuzusehen und Fragen zu stellen.”
Claudia Pia Eimer, Stadtpräsidentin Stein am Rhein, Schweiz.

Bei den neuen Wilden
“Die Farbe ist das eigentliche Thema der begabten Malerin…Das Gegenständliche in Anja Seelkes Malerei ist weit von dem entfernt, was jetzt in der neu entflammten Realismus-Produktion diskutiert wird. Lockere Malweise, bei der die Umrisslinien in den farbsatten Fleckhaftigkeiten aufgehen, Deformierung der Körper und der Köpfe bis zur Groteske und Typisierung und extremes Einbinden der Betrachter durch expressive Nahsicht – damit und auch mit dem gestischen, deutlich sichtbaren breiten Pinselstrich knüpft die Malweise eher bei den Neuen Wilden an, bei de Kooning und Karel Appel. Appellativ geht Anja Seelke uns mit Pinsel und Acrylfarbe an. Überall starke, drängende Aufforderung zum Lebensgenuß, zum Miteinander. Virtuos schwingt Anja Seelke den Pinsel, die Geschwindigkeit des Duktus ist abzulesen an den gewischten Randzonen, an den modellierenden Formstrichen, den raumgreifenden Richtungsführungen. Das gibt den Bildern ihre Textur, das heimliche Gerüst der Form, das unseren Blick durchs Bild lenkt wie auf einem Spaziergang. Die Farbe erhält einen besonderen Stellenwert, ist Form, Ausdruck, Bewegung im Zusammenklang mit den Nachbarfarben im Bild. Reinbunt werden die Farben verwendet, auf der Leinwand miteinander auch in der Mischung verwoben, oft gesteigert durch spannungsgeladene benachbarte Tonrückungen. Die Farbeigenschaften von Eigenhelle und Qualität bis zu synästhetischen Wirkungsweisen im Auge des Betrachters befördern den Ausdruck von Bild-Erzählungen und die Einbindung von Figur im Raum mit Leichtigkeit. Wenn die Intuition im Kopf des Betrachters zu schlüssigen Ergebnissen und Erlebnissen führt, ist die künstlerische Kommunikationsabsicht in hohem Maße geglückt.”
Jutta de Vries, Kulturpädagogin, Stade.

Ambivalenz und Fragilität
“Anja Seelke ist eine Künstlerin, die über das Abbildende hinaus wirkt. Anja Seelkes ebenso kraftvoll wie empfindsam gemalte Menschenbilder sind eine Bestandsaufnahme der Ambivalenz und Fragilität menschlichen Seins. Oft sehen wir zwischenmenschliches Agieren, getragen von einer aussagekräftigen Farbsymbolik. Brutalität und Abwehr zwischen Mann und Frau, „die Einsamkeit zu Zweit“. Oder auch den Menschen in der Gruppe, einen Hilferuf ins Nichts hinein, männliche Gewalt, die Frage nach dem Michael Kohlhaas in jedem von uns und in unserer Zeit, nach Täter-Opfer-Beziehungen. Ihre Bilder sind künstlerische Interpretationen reiner erlebter Empfindungen wie Hinwendung, Neugier, Abwehr, Introvertiertheit, Gelassenheit, Überlegenheit, Brutalität, erotisches Begehren, Ruhe, Besinnung. Über die Authentizität des Moments hinaus werden ihre Protagonisten zu Bedeutungsträgern visualisierter Ideen, historischer Bezüge und Kontexte zwischenmenschlicher Handlungen und Ereignisse. Geprägt von Individualität und Ausdrucksstärke lassen die Porträts erahnen, dass das Studium der Sozialpsychologie und ihre eigene Sensibilität Anja Seelke eine innere Tür geöffnet haben, tiefer in das Wesen der menschlichen Natur einzudringen.”
Hans-Volker Feldmann, Vorsitzender des Kulturausschusses für den Landkreis Cuxhaven, Otterndorf.

Der Mensch und das Mögliche
“Karl Otto Matthaei hat den stillen Ort Neuhaus festgehalten; Anja Seelke hat das Festleben beschrieben, ein Lebensgefühl geschildert: Das Neuhäuser Pappbootrennen ist eigentlich ein sommerliches Vergnügen mit großer Akzeptanz bei der Bevölkerung. Die Fleckenmalerin hat es in ihren Bildern neu interpretiert. Die Lust am Leben und Überleben ist das erste wichtige Symbol, das Anja Seelke in diesem Riesengaudi entdeckt. In den Gesichtern ist die Lust am Abenteuer des Lebens festgehalten. In dem Bild „Rache“ bleibt der Drache der Sieger, der Mensch neben ihm geht angstvoll-schreiend unter. Daneben gibt es eine Szene, die den lustvollen Untergang beschreibt und das verführerische Fischweibchen. Die Menschen bewegen sich an der Grenze. Anja Seelke schildert nicht nur, sie sucht und findet einen neuen Sinn im äußeren Geschehen. Ich möchte Ihnen vermitteln, daß in diesen Bildern, hinter ihnen gewissermaßen, Gedanken und Visionen stecken, welche die Künstlerin mit großer Kraft visualisiert. Mit ihrer spröden Farbigkeit möchte sie keine Harmoniesucht beim Betrachter wecken. Einfühlende Betrachtung ist nicht ihr Ziel. Krasse Elementarfarben sind ihr Sprachrohr, das mich an die expressionistische Malerin Marianne Werefkin denken läßt. Ihre Farbflecken sind ein großes Geschenk an den kleinen Ort, der seine Liebe zum Überlebenskampf behalten hat. Eine eigenwillige Interpretation, die gleichzeitig eine Zeitkritik darstellt. Die Karl Otto Matthaei-Gesellschaft dankt für das Geschenk.”
Wolf-Dietmar Stock, Vorsitzender der Karl Otto Matthaei-Gesellschaft, Künstler und Verleger, Fischerhude.

Konfrontation und Erkenntnis
“In den Bildern von Anja Seelke spiegelt sich facettenreich das menschliche Leben. Auf der Suche nach Identität hinter scheinbaren Realitäten ist die Malerin unverblümt spontan, frech, aber nicht dreist, denn sie opfert ihre Betrachtung keiner Gefallsucht. Ihre Arbeiten sind so viel oder so wenig Wandschmuck wie jeder von uns eine unentwegte Zierde seiner Gattung ist. Es sind Augenblicke, Momentaufnahmen und Szenen, die uns zum Lachen bringen und nachdenklich machen. Sie haben weder den Anspruch, schön zu sein noch harmonisch – und sind es manchmal trotzdem. Anja Seelke ist der Bänkelsänger, der die Bühnen unserer Tage durchstreift, um uns in einem Augenblick zu überraschen und deshalb aufmerksam anzutreffen. Sie wirft den Blick in die Gegenwart und auf uns Betrachter: Ihre Werke konfrontieren uns. Wenn man den „Seelkeblick“, mit dem die Künstlerin ihre Umwelt sieht und so typisch beschreibt, in Ruhe auf sich wirken gelassen hat, kann er einen noch eine ganze Weile begleiten: auf den Straßen der Stadt, in den Läden, in den Gesichtern Vorübereilender oder im eigenen Lachen.”
Petra Hempel, Künstlerin und künstlerische Leiterin, Kunstverein Fischerhude.

Sinnbilder
“‘Der Blick aufs Tier’ ist des Menschen Blick auf seine Mitgeschöpfe, denen er mal mit Affenliebe, mal mit Mordgelüsten begegnet. Mit den Tierbildern knüpft Anja Seelke an den Beginn aller Malerei an, denn zuallererst stellte der Mensch nicht sich selber dar, sondern Pferde, Gazellen, Affen, Stiere. Und zu allen Zeiten symbolisierten Tiere menschliche und göttliche Eigenschaften. Es liegt allein im Auge des Betrachters, ob er - überheblich, anthropozentrisch - in dem Esel aus Seelkes Tierleben nur die Minderwertigkeit der Kreatur sieht, oder aber, wie Franz von Assisi, das Sinnbild des störrischen, mit Mängeln behafteten menschlichen Körpers und somit den ‘Bruder Esel’.”
Jochen Bölsche, Redakteur (Der Spiegel), Osten.

Geschichten erzählen
„Man sieht, aus welchem Schwung heraus die Bilder entstehen, da ist Bewegung drin. Die Bilder verlangen der Künstlerin das ab, was sie sich bei der präzise verarbeiteten Keramik nicht leisten kann. Mich fasziniert an den Bildern vor allem die Tatsache, daß es Geschichten und Ideen zu Geschichten sind. Jedes dieser Bilder ist ein Angebot an den Betrachter, die dargestellte Situation weiterzuspinnen. Im Gegensatz zu konzeptioneller Kunst greift Anja Seelke in ihren Bildern erzählerische Themen auf und das finde ich sehr mutig.“
Dr. Unda Hörner, Schriftstellerin und Publizistin, Berlin.

Beunruhigend
„Die Arbeiten von Anja Seelke sorgen immer für Furore. Irgendwie kann man immer eine ganze Menge beschreiben, was auf den Bildern so los ist, aber doch nicht das letzte Geheimnis lüften, weil da durchaus mal ein-zwei Bilder dabei sind, die einen eher beunruhigen. Auf so eine ganz angenehme Weise ist man oft relativ ratlos, wie das nun bewertet werden kann. Also: es gibt Porträts und dann gibts mal einen Akt – eben Figuren. Und trotzdem ist es so, daß ich irgendwie gedacht habe, diese Bilder von Anja Seelke, daß ist nicht nur dieser Anknüpfungspunkt an die Wilde Malerei der 80er, sondern da ist etwas drin, was ich nicht so richtig beschreiben kann.”
Matthias Weber, Maler und Kurator, Stade.